Jan Hennig

Kunstharmonium

Mustelmanual
Zungen
Registertabelle-SKE-op.102
C-Dur
C-Dur-Var1

Das Kunstharmonium - ein unbekanntes Instrument


Das Kunstharmonium ist heute leider selbst unter Musikern so gut wie unbekannt.

Mein Anliegen ist es, die Kultur des Instruments und seine großartige Musik vor dem Vergessen zu bewahren.


Vorgeschichte - Das französische Druckluft-Harmonium


Anfang des 19. Jahrhunderts suchte man nach Wegen, den starren Orgelton im Sinne des romantischen Lebensgefühls flexibler zu gestalten. Bei einer Klangerzeugung mit Orgelpfeifen ist dies kaum möglich, da eine Veränderung des Luftdrucks auch Auswirkungen auf die Tonhöhe hat.

Die Klangerzeugung des Harmoniums basiert auf in einem Rahmen frei schwingenden Messingstreifen, den sogenannten durchschlagenden Zungen. Die Lautstärke des Tons lässt sich durch eine Veränderung des Luftdrucks beeinflussen, während die Tonhöhe stabil bleibt.

Das Harmonium ist bis heute (abgesehen von elektronischen Instrumenten) das einzige Tasteninstrument, das einen Ton an- und abschwellen lassen kann.


Nachdem sich einige Vorgängerinstrumente (z.B. orgue expressif, Aeoline, Physharmonika) in der Musikwelt nicht durchsetzen konnten, wurde dem Pariser Instrumentenbauer A. Debain 1842 ein Patent für sein neues Instrument, genannt „Harmonium", erteilt: Ein Druckluftinstrument mit 4 Zungenreihen (8', 16', 4', 8'), das so genannte "Vierspiel". Es hat eine Tastatur von C bis c'''' über fünf Oktaven und eine Teilung der Tastatur zwischen e' und f'. Alle Zungenreihen lassen sich für beide Tastaturhälften getrennt einstellen. Der reale Klang geht über sieben Oktaven von C' bis c’''''.

Von oben nach unten sind zu sehen:

Der tiefste Ton, das C aus dem Bourdun (16') mit aufgelötetem Gewicht, ein c'' aus der Oboe (8') sowie der höchste Ton, das c'''' (Fifre, 4’).

Das Kunstharmonium


Das Kunstharmonium (auch Harmonium d'Art, Konzertharmonium, Künstlerharmonium)

wurde aus dem französischen Druckluftharmonium in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weiterentwickelt und verbreitete sich vor allem in den französischen Salons.

Das wichtigste Merkmal des Kunstharmoniums ist die sogenannte Doppelexpression, 1853?? von Victor Mustel erfunden. Mittels zweier Kniehebel kann der Kunstharmonist über eine komplizierte pneumatische Anlage den Luftdruck beider Spiele (Tastaturhälften) separat steuern. Unabhängig von der Anzahl der gezogenen Register ergeben sich somit vielfältige dynamische Differenzierungen auf einem Manual.

Weitere Besonderheiten sind die „Metaphone“ (eine Klangabschwächung), das „Prolongement“ (eine Tastenfessel für die tiefsten Töne), das „forte expressif“ (eine pneumatische Steuerung der Forteklappen) und die „Percussion“: Hierbei schlagen mittels einer einfachen Hammermechanik Filzhämmerchen auf eine Zungenreihe, wodurch das Ansprechverhalten des gesamten Instruments erheblich verbessert wird.


Die Register


Wie das französische Druckluftharmonium hat auch die Tastatur des Kunstharmoniums einen Umfang von C-c''''. Die Teilung in Bass- und Discanthälfte liegt zwischen e' und f'. Die Register 1 bis 4 gehen durchgehend über die gesamte Tastatur (entsprechend dem französischen Vierspiel) und lassen sich als „Grand Jeu“ gemeinsam ein- und ausschalten. Bei vielen Instrumenten ist dies auch mit einem Fußhebel möglich.


Die Register mit den Nummern 5 im Bass und 5 bis 8 im Discant sind die sogenannten Halbspiele, die jeweils nur in einer Hälfte vorkommen. Beide Spiele für sich genommen haben jeweils einen Klangraum von über 5 Oktaven!

Die Ziffern der Register werden für das Kunstharmonium in quadratischen Sigeln angegeben. Damit ist eine klare Differenzierung zum Druckluftharmonium (runde Sigel) und dem Saugluftharmonium (achteckige Sigel) möglich.

Der Klang


Beschreiben lässt sich der Klang des Kunstharmoniums am besten mit einer Mischung aus Akkordeon, Orgel und Orchester! Eine Besonderheit ist, daß mit nur drei Primärfarben eine sehr große Anzahl an Klangfarben geschaffen werden kann. Die kompositorischen Mittel dafür sind natürlich die Registrierung und daher ist jede original Kunstharmoniummusik auch registriert!


Folgende Primärfarben stehen zur Verfügung:

A) Die weichen, vollen und dunklen Stimmen:                1 und 2

B) Die schärferen, hellen und leicht nasalen Stimmen:   3 und 4, sowie im Discant 5 und 7

C) Die Schwebestimmen mit zwei Zungenreihen:          5 im Bass, 6 und 8 im Discant


Die Notation


Durch die Teilung zischen e’ und f’ und die dadurch resultierende getrennte Behandlung der linken und rechten Spielhälfte ergeben sich viele Besonderheiten in der Notation. Das überrascht selbst  erfahrene Musiker und es braucht schon eine gewisse Übung, um die Logik und das Selbstverständnis des Instrumentes zu begreifen.


Dieser C-Dur Akkord:




kann beispielsweise auf folgende Weise klingen:

 






Im französischen Repertoire wird meistens notiert, was gespielt wird. Der Klang kann aber von den notierten Tönen abweichen. Sigfrid Karg-Elert hingegen notiert den Klang, und verweist mittels Oktavierungen (8va…, 15ma….) auf die zu spielende Oktavlage!

© Jan Hennig 2020